Kleine Taschenkunde: Besser spät als nie – der Triumph der Umhängetasche

In meiner kleinen Taschenkunde ergeht es ihr ganz genauso wie im wahren Leben: Sie ist der Nachzügler. Meine vorerst letzte Taschengeschichte handelt von der Umhängetasche, einer geräumigen bis großen Tasche also, die sich durch einen langen Gurt auch bequem an der Schulter oder cross-over tragen lässt und uns somit die Hände freihält.

Geschichte der Umhängetasche - Mellow Leather Handbag von Mandarina Duck
Multifunktionale Umhängetaschen wie sie sind heute unverzichtbar: die Mellow Leather Handbag von Madarina Duck

Bei einem derart alltäglichen, sogar allgegenwärtigen Taschentyp kann man sich kaum vorstellen, dass es einmal anders war. Doch die Umhängetasche hatte es schwer: Lange war die Zeit nicht reif für sie, und als es endlich so weit war, konnte sie sich nicht behaupten. Erzählenswert ist ihre Geschichte vor allem, weil sie eines deutlicher macht als jede ihrer Vorgängerinnen: Dass Taschenmode, wie Mode allgemein, ein Spiegel der Gesellschaft ist, die sie erschafft. In der Form und Gestalt unserer alltäglichen Begleiter zeigen sich unsere Werte, wer wir sind und was uns bewegt.

Seit ihrem ersten Aufkommen waren Taschen im Sinne des ebenso modischen wie notwendigen Accessoires zweierlei: beinahe ausschließlich in der Gesellschaft von Damen anzutreffen und geradezu lächerlich klein. Daher auch der Name des ersten Taschentyps, der ab Anfang des 19. Jahrhunderts die unter dem Überrock versteckte oder gar eingenähte Tasche ersetzte: Der winzige, meist kunstvoll bestickte oder mit Perlen besetzte Zugbeutel oder Pompadour, der am Gürtel oder Handgelenk baumelte, nannte sich Ridikül (von ridicule, frz.: lächerlich), eine Verballhornung des ursprünglichen Begriffs Reticule. Darin führte die Dame ein paar Münzen, vielleicht Riechsalz und ein wenig Puder mit sich. Und um es kurz zu machen: Dabei blieb es auch lange.

Geschichte der Umhängetasche - Rose von aunts & uncles
Über lange Zeit begnügten sich Damen mit zierlichen Rahmentaschen wie Rose von aunts & uncles

Die Form der Tasche änderte sich mit der Zeit. Das Beutelchen wurde zunächst durch einen Rahmen verstärkt und wandelte sich schließlich zum eckigen Kuvert, die Zugbänder wurden durch kurze Griffe ersetzt oder fielen – wie bei der Unterarmtasche – ersatzlos weg. Das überschaubare Format aber hatte Bestand. Kein Wunder, denn nach wie vor gab es für jene Frauen, die sich Gedanken über Mode leisten konnten, neben Kosmetik und ähnlichen Kleinigkeiten, wenig, was sie unbedingt mit sich führen mussten.

Das änderte sich schlagartig, als Frauen im Laufe des Zweiten Weltkrieges zur wesentlichen Stütze der heimischen Wirtschaft wurden und massenhaft ins Berufsleben eintraten. Zugleich war es plötzlich sinnvoll, wenn nicht gar lebenswichtig, das Nötigste stets bei sich zu haben, wenn man das Haus verließ. Gemäß den neuen Anforderungen wurden die Taschen also größer und ihre Tragegriffe länger, bis schließlich der praktische Schultergurt an ihre Stelle trat.  Für ein paar Jahre wurden großzügig geschnittene Schulter- und Umhängetaschen zu unerlässlichen Begleitern.

Geschichte der Umhängetasche - Preston Flap von Fossil
Ein modischer Allrounder, der einfach immer passt: Preston Flap von Fossil

In der Normalität, zu der man nach dem Kriegsende allmählich zurückfand, gab es für die Umhängetasche hingegen keinen Platz mehr. Wie die vom Militär inspirierte Mode insgesamt, wich sie Accessoires, die sich anstelle von Funktionalität mit Schönheit und Kleidsamkeit hervortaten. Der neuerliche Wandel des Frauenbildes in den 1960er Jahren verhalf der Umhängetasche schließlich zum dauerhaften Durchbruch. In ihr brachten berufstätige Frauen all die kleinen und großen Alltagsuntensilien unter, und obendrein passte sie hervorragend zum brandaktuellen Hosenanzug.

Geschichte der Umhängetasche - Vintage Revolver Bag XL von Greenburry
Alles, was Mann braucht: Die Vintage Revolver Bag XL von Greenburry vereint Funktion und Stil

Auf dem folgenden Triumphzug hat die Umhängetasche aber weit mehr geleistet, als Frauen jeden Alters mit dem optimalen Begleiter für nahezu jeden Anlass auszustatten: Sie hat die Männer von ihrer lange gepflegten Abneigung gegen Taschen, die mehr als nur praktisch sind, befreit. Oder anders gesagt: Mit ihr durften sich endlich auch Herren an etwas anderes als fade Aktentaschen heranwagen. Die Brücke schlugen damals die Taschen von Sportartikelherstellern wie adidas und Nike, bei denen die Grenze zwischen handfestem Nutzwert und Lifestyle seit jeher eine fließende war – und es sei ihnen gedankt.

Die Umhängetasche hat Sie und Ihn gleichermaßen überzeugt und gilt heute vollkommen zu Recht als der Bestseller auf dem Taschenmarkt. Wer daran zweifelt, unternehme einfach den Selbstversuch: In meiner Taschensammlung sind die Umhängetaschen eindeutig die stärkste Partei. Und bei dir?

Geschrieben von
Weitere Beiträge von Lisa

Kleine Taschenkunde: Das Comeback des Cityrucksacks

Bric’s tut es, Bogner, Mywalit und Mandarina Duck auch, Picard schon seit...
weiterlesen ...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.